Ich prüfe Geschäftsideen, bevor sie Geld kosten — mit Messungen, einem festen Raster und einem Verdikt am Ende.
Die Geschäftsidee
Ein Dienstleistungs-Zweig, dessen Empfehlung uns in diesen Monaten immer wieder begegnet ist: Wir bauen für Mittelständler den Chatbot auf deren Website — gegen Projekthonorar, plus laufende Betreuung. Wir haben diese Idee für uns selbst erwogen und deshalb geprüft: erst strukturell, dann mit Suchdaten nachgemessen (Juli 2026).
Das Umfeld: Was Chatbot-Baukästen sind
Chatbot-Baukästen sind überwiegend fertige Mietsoftware — der Betrieb lädt seine Website-Texte und PDFs hoch und bekommt ein Chat-Fenster für die eigene Seite, ohne eine Zeile Code schreiben zu müssen. Einstiegs-Tarife der von uns stichprobenartig geprüften Anbieter: ab rund zwanzig US-Dollar im Monat (Stand Juli 2026) — nach oben offen; bei den geprüften kosteten KI-Gesprächsvolumen und Zusatzfunktionen extra. Daneben existieren quelloffene Varianten zum Selbst-Betreiben — die tauschen die Miete gegen eigenen Betriebsaufwand und brauchen technisches Personal, sind also ein anderes Regal.
Gegen Baukästen spricht erst einmal nichts. Sie bedeuten nur: Das Bauen ist kaum noch eine verkaufbare Leistung — es ist ein Mietpreis geworden.
Gemessen
Quelle: Ubersuggest, Deutschland, Stand Juli 2026:
- „Chatbot erstellen“: 390 Suchen im Monat
- „Chatbot erstellen lassen“: null
- „Chatbot Agentur“: 20
Wir lasen diese Zahlen so: Gesucht wird das Werkzeug — nicht der Dienstleister.
Verdikt: FÜR UNS VERWORFEN
Die Begründung in einem Satz: Nicht die Technik ist das Schwierige — das dauerhafte Aktuell-Halten ist es. Egal ob Baukasten, Agentur oder Eigenbau: Ein Chatbot muss gepflegt werden, und außer in sehr statischen Betrieben liegt ein erheblicher Teil dieser Arbeit zwingend beim Kunden selbst — denn nur er weiß, was sich geändert hat.
Was ein guter Chatbot dauerhaft können muss
Ein guter Bot wird nicht gebaut, sondern betrieben. Vier Pflichten, keine davon Bautag-Arbeit — alle vier Monats- und Jahresarbeit:
- Eingehegt: Leitplanken gegen erfundene Rabatte, Verbotszonen für Preis- und Vertragsfragen — und bei heiklen Anliegen reicht er an einen menschlichen Ansprechpartner weiter, statt selbst zu raten.
- Gefüttert: Preise, Produkte und AGB ändern sich — ein Bot mit dem Wissen von gestern gibt freundlich Auskünfte, die nicht mehr stimmen.
- Geprüft: Probefahrt vor dem Livegang — erfindet er Regeln, die es nicht gibt?
- Verantwortet: Jemand steht für seine Auskünfte ein.
Der Fall, der das Risiko zeigt
2024 hat ein kanadisches Tribunal eine Fluggesellschaft zur Erstattung einer Preisdifferenz verurteilt, nachdem der Bot auf ihrer eigenen Website eine Rabatt-Regel erfunden hatte (Moffatt v. Air Canada, 2024 BCCRT 149). In Anspruch genommen wurde das Unternehmen, auf dessen Website der Bot sprach; wer ihn gebaut hatte, behandelte das Tribunal nicht. Mehr berichten wir nicht, und mehr leiten wir nicht ab — was ein solcher Fall für einen deutschen Betrieb bedeutet, bedarf einer anwaltlichen Prüfung.
Warum das Modell für uns daran scheitert
Doppelt: Die Nachfrage nach dem Bauen-Lassen existiert nach den Suchzahlen nicht. Und für die Dauerarbeit danach dürfte der Preisanker des Kunden die Einstiegs-Werbung der Baukästen sein, Tarife ab rund zwanzig Dollar. Gegen diesen Anker ein Pflege-Honorar in voller Höhe durchzusetzen, erscheint uns ein schwerer Verkauf — bei jedem Kunden, jedes Jahr aufs Neue.
Der Einwand: Es gibt doch richtig gute Bots?
Stimmt — man begegnet ihnen etwa bei großen Software-Anbietern. Wie diese Häuser ihre Bots intern organisieren, wissen wir nicht. Eines aber folgt aus der Sache selbst: Ein Bot, der über Jahre präzise und aktuell antwortet, wird von irgendwem eingehegt, gefüttert und geprüft — sonst wäre er nicht gut. Die guten Bots widerlegen die vier Pflichten also nicht, sie setzen sie voraus. Der Unterschied liegt nicht im Bauen — er liegt darin, dass jemand die Dauerarbeit leistet und bezahlt.
Und die geschäftliche Einschätzung
Als Geschäftsmodell erscheint es uns nicht sinnvoll: jahrelang die Pflege eines Bots verantworten — gegenüber einem Kunden, der im Zweifel fragt „wieso, ich habe den Bau doch bezahlt“, der die nötigen Informationen nicht liefert und für den mit der Einmal-Rechnung alles erledigt ist. Diese Konstellation halten wir nicht für Einzelfall-Pech. Aus unserer Sicht ist sie im Modell angelegt.
Unsere Gedanken
Bei KI-Produkten entscheidet selten die Technik. Es entscheidet, wer einhegt, füttert, prüft und verantwortet — und ob jemand bereit ist, genau das zu bezahlen.
(Ob ein Betrieb für sich selbst einen Bot einsetzt — per Baukasten für öffentliche Inhalte oder als eigene Strecke auf dem Firmenwissen — ist eine andere Prüfung mit anderem Ausgang. Die vier Pflichten oben sind dann die Einkaufs-Checkliste. Mehr dazu: die Anwendungsfelder.)
Sie planen selbst ein Projekt mit KI? Dafür gibt es den Prüfstand.